Von:
Ruth Alexander

e-auslaender.de

Meine Nachbarin ist Norwegerin. Jedes Jahr fährt sie im August zu ihren Verwandten in den hohen Norden. Doch 2007 musste sie eine Woche im Krankenhaus verbringen. Dort ist es wohl üblich, dass jeder Patient ein Bändchen um den Arm gebunden bekommt. Bei ihr stand unter ihrem Namen „Ausländer“. Das machte sie sauer, denn sie fühlt sich als Norwegerin, eine kleine norwegische Fahne steht auf ihrem Wohnzimmerschrank. Aber weil sie schon viele Jahre in Deutschland lebt, wird sie von den Norwegern – zumindest offiziell – als Ausländerin angesehen.

So ein Wechsel der Perspektive hat auch etwas für sich, jeder kennt das, wenn er Deutschland verlässt. Dann sind wir alle Ausländer, werden auch mal als Repräsentanten unseres Landes gesehen. Mir ging es so, als ich ein halbes Jahr in den USA war. Da musste ich schon mal erklären, warum manches in Deutschland ganz anders läuft. So bekam ich einen anderen Bezug zu meinem Land.

Nach einem halben Jahr ging es wieder nach Hause, der "Status" Ausländer war zumindest für mich aufgehoben. Wenn wir aber hier von "Ausländern" sprechen, wen meinen wir? Die Touristen, die Gastarbeiter oder die Asylbewerber? Oder etwa die Menschen, in deren Personalausweis schon lange "Nationalität: deutsch" steht? Egal, wir schieben alles über einen Kamm. Es interessiert uns nicht, wie lange die "Ausländer" schon hier leben, ob sie hier geboren sind oder gar einen deutschen Pass haben. Man merkt, die Integration ist noch nicht in den Köpfen, auch wenn die Zahlen eine andere Realität widergeben.

Mittlerweile haben 20 Prozent der Menschen mit deutschem Pass einen so genannten „Migrationshintergrund“, Tendenz steigend. Diese Leute sind hier angekommen, wollen sich als vollwertige Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten fühlen. Warum lassen wir sie nicht? Warum haben wir die Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, noch nicht verinnerlicht? Natürlich müssen Probleme angesprochen werden, die entstehen, wenn verschiedene Ethnien, Kulturen und Religionen aufeinandertreffen. Aber sind damit immer gleich unsere eigenen Werte und Kultur bedroht? Warum kann dieser gegenseitige Einfluss nicht auch als Bereicherung verstanden werden?

Eine Bedrohung liegt meiner Ansicht nach viel mehr darin, dass durch gegenseitige Abschottung überhaupt Parallelwelten entstehen konnten, in denen es immer schwieriger wird, den anderen zu verstehen. Sätze wie „Die wollen sich ja gar nicht bei uns integrieren.“ drücken diesen Status Quo nur allzu treffend aus. Aber der Punkt ist doch, dass hier beide Seiten gefragt sind. Die Migranten müssen zu erkennen geben, dass sie sich integrieren wollen. Und die Mehrheitsgesellschaft muss die Migranten willkommen heißen, ihnen die Hand reichen. Nur so kann eine offene Gesellschaft gelingen.

Ganz wichtig finde ich dabei den unverkrampften Umgang miteinander. Ich muss nicht alle lieben. Ich will jemanden, der eine dunklere Hautfarbe hat, genau so doof finden dürfen wie ich meine norwegische Nachbarin eben mag. Weil sie einfach ein netter Mensch ist.